@ Herzrosenduft
Kann mir jemand kurz die Lehre der Heiligen Theresia von Lisieux über den kleinen Weg erläutern?
Vielleicht können Dir die zwei nachfolgende Texte aus meinem gespeicherten Fundus etwas Aufschluss geben
Therese von Lisieux, aus "Selbstbiographische Schriften", Johannes Verlag
O! verzeih mir Jesus, wenn ich von Sinnen bin, indem ich meine ans Unendliche grenzende Wünsche und Hoffnungen abermals vortrage, verzeih mir und heile meine Seele, indem du ihr gibst, was sie erhofft!!! ....
Deine Braut sein, o Jesus, Karmelitin sein, durch meine Vereinigung mit der Mutter der Seelen sein, das sollte mir genügen... Und doch ist dem nicht so.... Gewiss, diese drei Vorrechte sind meine Berufung, Karmelitin, Braut und Mutter; aber ich fühle noch andere Berufungen in mir, ich fühle die Berufung zum KRIEGER, zum PRIESTER, zum Apostel, zum KIRCHENLEHRER, zum MÄRTYRER; kurz, ich spüre das Bedürfnis, den Wunsch, für dich Jesus, die heroischsten Werke allesamt zu vollbringen. Ich fühle in mir den Mut eines Kreuzfahrers und möchte auf einem Schlachtfeld für die Verteidigung der Kirche sterben....
O Beruf des Priesters! Mit welcher Liebe würde ich dich, Jesus, in meinen Händen tragen, wenn meine Stimme dich vom Himmel herabrufen würde! Mit welcher Liebe würde ich den Seelen darreichen! Aber ach, wenn ich
auch danach sehne, Priester zu sein, so bewundere und beneide ich den heiligen Franziskus von Assisi, und ich führe in mir die Berufung, ihm nachzufolgen und die Würde des Priestertums auszuschlagen.
Wie soll ich dieses Gegensätze vereinigen? Gleich den Propheten und Kirchenlehrern möchte ich die Seelen erleuchten. Ich möchte die ganze Welt durcheilen, deinen Namen verkünden und im Landes des Unglaubens dein
glorreiches Kreuz aufpflanzen, o mein Vielgeliebter! Aber ein einziges Missionsland würde mir nicht genügen: ich möchte das Evangelium, zu gleicher Zeit in allen Teilen der Welt verkünden und bis hinaus auf die entlegensten Inseln. Ich möchte Missionar sein, nicht nur während einiger Jahre, sondern ich möchte es seit der Schöpfung gewesen sein und fortfahren es zu sein bis zur Vollendung der Zeiten. Vor allem möchte ich Märtyrerin sein! Das Martyrium! Das war der Traum meiner Jugend! Dieser Traum ist in der Klosterzelle mit mir
gewachsen.
O Jesus! meine Liebe, mein Leben .... Wie können die Sehnsüchte meiner armen kleinen Seele Verwirklichung finden? ....
O mein Jesus! was antwortest du nun auf alle meine Torheiten?... Gibt es wohl eine kleinere, ohnmächtigere Seele als die meine!... Doch gerade um meiner Schwachheit willen hat es dir gefallen, meine kleinen
kindlichen Wünsche zu erfüllen.
Als beim Gebet meine Sehnsüchte mich ein wahres Martyrium erleiden ließen, schlug ich die Briefe des hl. Paulus auf, um irgendeine Antwort zu suchen. Das 12. und 13. Kapitel des 1. Kor fiel mir in die Hände....
Ich las im ersten, dass nicht alle zugleich Apostel, Propheten, Lehrer usw. sein können.... dass die Kirche sich aus verschiedenen Gliedern zusammensetzt, und saß das Auge nicht zugleich Hand sein kann.... Die Antwort war klar, stillte aber mein Sehnen nicht und brachte mir keinen Frieden.... Ohne mich entmutigen zu lassen, setzte ich meine Lesung fort und fand Trost in folgendem Satz: "Strebt eifrig nach den VOLLKOMMENSTEN GABEN, aber ich will euch einen noch vorzüglicheren Weg zeigen." Und der Apostel erklärt, wie die vollkommensten Gaben nichts sind ohne die LIEBE... Dass die Liebe der VORTREFFLICHE WEG ist, der mit Sicherheit zu Gott führt.
Endlich hatte ich Ruhe gefunden ... Den mystischen Leib der Kirche betrachtend, hatte ich mich in keinem der vom hl. Paulus geschilderten Glieder wiedererkannt, oder ich wollte mich in allen wiedererkennen..... Die Liebe gab mir den Schlüssel meiner Berufung. Ich begriff, dass wenn die Kirche einen aus verschiedenen Gliedern bestehenden Leib hat, ihr auch das notwendigste, das edelste von allen nicht fehlt; ich begriff, dass die Kirche ein Herz hat, und dass dieses Herz von LIEBE BRENNT. Ich erkannte, dass die Liebe allein die Glieder der Kirche in Tätigkeit setzt, und würde die Liebe erlöschen, so würden die Apostel das Evangelium nicht mehr
verkünden, die Märtyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen... Ich begriff, dass die LIEBE ALLE BERUFUNGEN IN SICH SCHLIESST, DASS DIE LIEBE ALLES IST, DASS SIE ALLE ZEITEN UND ORTE UMSPANNT.... MIT EINEM WORT, DASS SIE EWIG IST!... Da rief ich im Übermaß meiner überschäumenden Freude: O Jesus, meine Liebe.... Endlich habe ich meine Berufung gefunden. MEINE BERUFUNG IST DIE LIEBE!....Lass mich also während meiner Erdenzeit die Köstlichkeit der Liebe genießen ....
und
Jesus, mein Liebe, mein Leben, wie sind diese Gegensätze vereinbar? Wie können diese Wünsche meiner armen, kleinen Seele Wirklichkeit werden?... Trotz meiner Kleinheit möchte ich die Menschen erleuchten, wie die Propheten oder die Kirchenlehrer.
Ich spüre die Berufung, Apostel zu sein; ich möchte die Welt durcheilen und deinen Namen verkünden....Ja, ich möchte das Evangelium in allen fünf Erdteilen gleichzeitig verkünden....
Vor allem aber möchte ich mein Blut für dich vergießen bis zum letzten Tropfen. Das Martyrium war schon der Traum meiner Jugend, und dieser Traum ist in der Zelle des Karmel mit mir gewachsen. Aber auch da fühle
ich wieder, dass mein Traum zur Torheit wird, denn ich könnte mich nicht darauf beschränken, nur eine Art von Martern zu ersehnen, ich bedürfte ihrer aller.
Wie du möchte ich gegeißelt und gekreuzigt werden... Gleich dem heiligen Bartholomäus möchte ich geschunden werden, gleich dem heiligen Johannes in siedenden Öl sterben; ich möchte alle Martern erdulden, die je den Blutzeugen zugefügt wurden...
Jesus, wollte ich alle meine Wünsche niederschreiben, ich müsste mir dein Buch des Lebens ausleihen, in dem die Taten aller Heiligen aufgezeichnet sind. Und diese Taten möchte ich für dich vollbracht haben...
Jesus, was antwortest du mir auf alle meine Torheiten?... Gibt es eine kleinere, schwächere Seele als die meine? Doch gerade um meiner Schwachheit willen hat es dir gefallen, meine kleinen kindlichen Wünsche zu
erfüllen. Willst du heute diese anderen Wünsche erfüllen, die größer sind als das Weltall?